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Der Kunzel

Presse

Neumarkter Nachrichten, 2. März 2004

Trommelsignale auf hohlem Rohr
Der Kunzel hatte seine Gäste wieder einmal in den Garten des Irrsinns nach Forchheim eingeladen


von Uwe Mitsching

FREYSTADT/FORCHHEIM – Na, wer sagt's denn: Es war alles so gekommen, wie er es vorausgesagt hatte. Ein bisschen Sonne, ein bisschen malerischer Schnee und ganz Forchheim vollgeparkt. Auf dem Hof der Familie Pröbster der große Kreis der Freunde von Kunzels Kunst und der Feinde von Turboschwein und Genweizen.
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Hoch aufgehäuft alles, was der Kunzel mühevoll zusammengebunden hatte: die Weidenruten, die Rutenbündel, die mythischen Stangen, die Rutenringe. ›Pflanzungen‹ sollte die Aktion des Land-Art-Mythenkünstlers mit den bäuerlichen Wurzeln heißen, Weidenähren sollten auf die Flurnummer 285 getragen und dort eingepflanzt werden: eine neue (geistige) Kreislaufwirtschaft, ein »sich stets erneuerndes Perpetuum mobile«, wie Wolfgang Herzer, Leiter des Kunstvereins Weiden, das in seiner langen Einführung fürs große, fröstelnde Publikum auf einen gottlob kurzen Nenner brachte.
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Aber das war nur die etwas langatmige Ouvertüre für Leute, die vom Kunzel noch nie etwas gehört hatten. Der Startschuss zur Kunstaktion war dann aber die Verteilung der Rutenbündel, der Flechtwerke, der Kaltstangen – alles Symbole eines neuen Lebenskreislaufs, einer immer wiederkehrenden Erneuerung der Natur. Der Kunzel selbst verteilte nicht ohne Stolz, aber mit Bedacht, schließlich auch mit einer Spur von Verzweiflung über den gigantischen Zuspruch (»Das wächst mir alles über den Kopf«) all das, was er wochenlang vorbereitet hatte: Gunstbeweise des Kunstmeisters, Hingabe des Künstlers an seine ›Gemeinde‹.
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Und dann setzte sich die Prozession in Bewegung, der Kunzel und Akademieprofessor Knaupp aus Nürnberg an der Spitze, Trommelsignale auf hohlem Rohr – es war ein sicher einen halben Kilometer langer Zug hinaus auf das Feld, das der Kunzel mit sei­ nen Stationen gestaltet hat. Jeder hatte sein Bündel zu tragen, ein Wald von Weidenruten, der sich da in Bewegung setzte vom Haus der Schreine zum Garten des heiligen Irrsinns.
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Wer es bis dahin noch nicht gemerkt hatte: mit alldem bedient und befriedigt der Kunzel ein säkularisiertes Religionsbedürfnis. Statt des Karfreitagsgottesdiensts Bachs Matthäus-Passion, statt der Fronleichnamsprozession des Prozessionstheater beim Kun­ zel, das sich dann auf dem Acker von Station zu Station bewegt.
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Will sagen: von Kunstobjekt zu Kunstobjekt. Das sind keine Installationen und Assemblagen zum schnellen Konsum gedacht: Der Kunzel denkt bei ihnen im Horizont von Jahren und Jahrzehnten.

In Hecke wachsen
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Seine Steinplätze sollen wieder hineinwachsen in die sich noch schüchtern herantastende Weißdornhecke, die dünnen Weidenringe werden zwischen riesige Rindenstücke gelegt, die Weidenruten in Baumstümpfe gesteckt: Leben soll dann im Frühjahr aus totem Material sprießen.
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In die umgebende Erde werden noch mehr Löcher gebohrt: Hier pflanzt die Kunzelgemeinde das noch tote Geäst. Und wenn in der verbalen Einführung höchstens Unspektakuläres oder die Leere der Landschaft angekündigt wurden, das waren dann doch starke Momente mitten in Kunzels Skulpturenpark.
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Allein die riesigen Assemblagen aus modernem Holz, die riesigen Felsbrocken, urwelthaften Astgabeln, schma­ len Totenbretter, das alles im kalt pfeifenden Ostwind: ›Seelenhäuser‹ will der Kunzel hier auf diesem Friedhof/ Lebenshof noch bauen, Ordnung und Chaos, Werden und Vergehen begegnen sich schon jetzt.

Nicht nur Betrachter
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Und beziehen den Kunstgast und Prozessionsteilnehmer jetzt schon mit ein: Er soll nicht nur Betrachter sein, sondern Pflanzer, sich Hingebender, Tonproduzent auf den eisernen Blütenblättern, über die die Kieselsteine nicht nur der Kinder flitzeninteraktive Kunst zwischen pseudosakralem Charakter und dem Experiment zwischen Kunst und Natur, etwa bei den Bilderrahmen, die der Kunzel in seine Natur baut und die irgendwann wie­ der zugewachsen sein werden.
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Ein Altar zum Schluss: Hunderte von Nägeln in den Stamm geschlagen, Felsbrocken als Liebesgaben, Klang­ scheiben wie Kirchenglocken – in der spätwinterlichen Kälte ein Traum von der wiedererwachten Natur, von Früh­lingsmythen, drumherum Feld und Flur der industriellen Landwirtschaft. Ein weiterer Besuch auf dem Feld der Pflanzungen: am 6. März, ab 14 Uhr in Forchheim bei Freystadt.







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